Weitspringer mit Unterschenkelprothese erreichen heute Weiten nahe der Weltspitze ohne Prothese. In meiner Dissertation habe ich untersucht, wie das mechanisch funktioniert. Kurz gesagt: Sie laufen langsamer an, springen aber effektiver ab, und zwar mit einem grundsätzlich anderen Mechanismus. Dieselbe Sportart, nicht dieselbe Disziplin.
Die Frage
Eine Carbonprothese hat keine Muskeln. Sie erzeugt keine Energie, sie speichert sie und gibt sie zurück, wie eine Feder. Trotzdem wird seit den Erfolgen von Sprintern und Springern mit Prothese diskutiert, ob sie einen Vorteil haben und mit nicht amputierten Athleten in einem Wettkampf starten sollten. Belastbare Daten zum Weitsprung auf Spitzenniveau fehlten. Meine Arbeit stellte drei Fragen: Bringt die Prothese einen Vor- oder Nachteil? Ist der Absprungmechanismus derselbe? Und welche Belastungen wirken dabei auf den Bewegungsapparat [1]?
Was wir gemessen haben
2016 haben wir in Köln und Tokio drei Weitspringer mit einseitiger Unterschenkelamputation untersucht, darunter drei der vier besten Athleten der Paralympics 2016, und sieben nicht amputierte Weitspringer mit vergleichbaren Bestleistungen (7,43 m gegenüber 7,65 m im Mittel): 3D-Bewegungsanalyse, Kraftmessplatten, Lasermessung und ein Mehrkörpermodell, in dem die Prothese den fehlenden Unterschenkel ersetzt [1].
Drei Ergebnisse
Anlauf. 9,38 m/s mit Prothese gegenüber 10,15 m/s ohne, rund 7,6 Prozent Unterschied. Die Prothesenseite erzeugte im Sprint 9 Prozent weniger vertikale Stützkraft, die andere Seite glich das mit 5,7 Prozent mehr aus [2].
Absprung. Hier dreht sich das Bild. Nicht amputierte Athleten verlieren beim Absprung rund 1,09 m/s horizontale Geschwindigkeit, Athleten mit Prothese nur 0,57 bis 0,64 m/s. Die Feder gibt die aufgenommene Energie fast vollständig zurück: Der Körperschwerpunkt gewinnt netto 0,57 J/kg, bei nicht amputierten Athleten verliert er 3,07 J/kg. Konservativ gerechnet sind das für den besten Athleten mit Prothese mindestens 0,13 m [2].
Mechanismus. Nicht amputierte Athleten nutzen das Pivot-Prinzip: Das steif aufgesetzte Sprungbein wirkt als Hebel, über den der Schwerpunkt nach oben kippt. Athleten mit Prothese setzen das Bein weiter seitlich auf, komprimieren länger und tiefer: Die Prothese arbeitet wie ein Sprungbrett [3]. Kürzere Hebelarme zwischen Bodenreaktionskraft und Gelenkzentren entlasten Hüfte und Knie deutlich, und die Bewegung bleibt fast ganz in der Sagittalebene, während nicht amputierte Athleten zusätzlich in der Frontalebene stabilisieren [4].
Was daraus folgt
Vorteil im Absprung, möglicher Nachteil im Anlauf: Das lässt sich nicht seriös verrechnen, und keine Gruppe kann die Lösung der anderen übernehmen. Deshalb halte ich getrennte Wertungen für die sachlich saubere Lösung [1, 2]. Für das Training: Nicht amputierte Springer kräftigen Hüft- und Kniestrecker und die Stabilisation in der Frontalebene früh in der Saison; Athleten mit Prothese gewinnen über Anlaufgeschwindigkeit und weniger Asymmetrie im Sprint. Für Prothesenentwickler: Die Federeigenschaften bestimmen den Absprung [4, 5].
Die Dissertation ist frei zugänglich [1], eine englische Zusammenfassung erschien 2025 im Routledge Handbook of Disability Sport Science [5]. Als Vortrag biete ich das Thema unter Speaker an.
Quellen
[1] Funken, J. (2019). Leistungs- und Belastungscharakteristika im leichtathletischen Weitsprung mit Unterschenkelprothese. Dissertation, Deutsche Sporthochschule Köln. PDF
[2] Willwacher, S., Funken, J., Heinrich, K., Müller, R., Hobara, H., Grabowski, A. M., Brüggemann, G.-P. & Potthast, W. (2017). Elite long jumpers with below the knee prostheses approach the board slower, but take-off more effectively than non-amputee athletes. Scientific Reports, 7, 16058. https://doi.org/10.1038/s41598-017-16383-5
[3] Funken, J., Willwacher, S., Heinrich, K., Müller, R., Hobara, H., Grabowski, A. M. & Potthast, W. (2019). Long jumpers with and without a transtibial amputation have different three-dimensional centre of mass and joint take-off step kinematics. Royal Society Open Science, 6(4), 190107. https://doi.org/10.1098/rsos.190107
[4] Funken, J., Willwacher, S., Heinrich, K., Müller, R., Hobara, H., Grabowski, A. M. & Potthast, W. (2019). Three-dimensional takeoff step kinetics of long jumpers with and without a transtibial amputation. Medicine & Science in Sports & Exercise, 51(4), 716–725. https://doi.org/10.1249/MSS.0000000000001853
[5] Funken, J. (2025). Long jump with a below-the-knee prosthesis. In K. Griggs, U. Arnet, R. van der Slikke & J. L. Flueck (Eds.), The Routledge Handbook of Disability Sport Science (Vol. 1, pp. 164–175). Routledge.
Zitiervorschlag: Funken, J. (2026). Weitsprung mit Sportprothese. bijomechanik.de. https://bijomechanik.de/2026/10/19/weitsprung-mit-sportprothese/
