Kleinwuchs und Sport: Was bei Sportlern mit Achondroplasie biomechanisch anders ist

Menschen mit Achondroplasie profitieren von Sport genauso wie alle anderen. Die Frage ist nicht, ob sie Sport treiben sollten, sondern wie: Hebelverhältnisse, Muskelansätze und Wirbelsäule unterscheiden sich, und deshalb lohnt es sich, Rahmenbedingungen anzupassen statt Sportarten auszuschließen.

Was Achondroplasie biomechanisch bedeutet

Achondroplasie ist die häufigste Skelettdysplasie [4]. Eine Veränderung im FGFR3-Gen bremst die Zellen in den Wachstumsfugen; die Folge sind kurze Arme und Beine bei relativ langem Rumpf und großem Kopf [1]. Die Hebel der Gliedmaßen sind kürzer, die Muskeln setzen anders an und arbeiten weniger effizient: Treppensteigen kostet deutlich mehr Kraft, Arbeiten über Kopf kommt im Alltag häufiger vor, und eine mögliche Muskelhypotonie erschwert die Vorspannung, die ein Sprung braucht [1].

Das zeigt sich schon beim Gehen. Erwachsene mit Achondroplasie gehen langsamer, mit kürzeren Schritten und höherer Schrittfrequenz, und ihre Beine bleiben über den Gangzyklus stärker gebeugt [2]. Derselbe Weg kostet spürbar mehr Energie [3]. Dazu kommen Besonderheiten der Wirbelsäule wie Kyphose, Spinalkanalstenose oder Skoliose und ein erhöhtes Osteoporoserisiko [1]. Ein internationales Konsensus-Statement empfiehlt eine multidisziplinäre Betreuung über die gesamte Lebensspanne [4].

Was einzelne Sportarten trainieren

Welche Sportart passt, hängt weniger von der Körpergröße ab als davon, welche Fähigkeiten sie trainiert und ob der Alltag sie braucht. Ein paar Beispiele aus der Broschüre, die Prof. Oliver Semler und ich geschrieben haben [1]:

  • Fußball, Basketball und Sprint trainieren die untere Extremität: Beinkraft, Beschleunigen, Richtungswechsel, Sprünge. Mit kürzeren Beinen braucht es eine höhere Schrittfrequenz, um mit Normwüchsigen Schritt zu halten, und wer eine kurze Strecke schnell zurücklegen kann, hat es im Alltag leichter.
  • Schwimmen und Badminton fordern die obere Extremität: Schultern, Arme und Rumpf arbeiten gegen den Wasserwiderstand oder über Kopf, also genau die Strukturen, mit denen eine kürzere Reichweite im Alltag ausgeglichen wird. Schwimmen kräftigt zudem Rumpf und Rücken, was bei Skoliose oder Lumbalkyphose zählt.
  • Gewichtheben und Kraftdreikampf setzen einen Reiz für Muskel und Knochen; Kraft ist bei Achondroplasie eine zentrale Alltagsressource. Die Übungsauswahl muss individuell abgestimmt werden, schwere Lasten gehören erst ab 16 bis 18 Jahren ins Programm.
  • Tanzen schult Koordination, Rhythmus und Haltung und steht für den sozialen Aspekt: Sport bedeutet auch Teilhabe, Selbstvertrauen und das gemeinsame Aktivsein mit anderen.

Fast jede Sportart lässt sich anpassen: Tischtennis mit niedrigerer Platte, Volleyball mit niedrigerem Netz und kleinerem Feld, Badminton mit entsprechend angepassten Rahmenbedingungen. Ob und wie intensiv jemand trainieren darf, wird im Einzelfall mit dem ärztlichen Team abgestimmt, besonders bei Fragen zu Wirbelsäule und Spinalkanal [1].

Was wir wissen und was nicht

Studien zur Bewegung bei Achondroplasie haben meist kleine Stichproben und einen klinischen Fokus [2, 3], ein großer Teil beruht auf Daten von Kindern. Über gesunde, sportlich aktive Erwachsene wissen wir wenig: Wie gehen sie, wenn sie schneller werden? Wie sprinten und springen sie? Ohne solche Referenzdaten lässt sich eine einzelne Messung kaum einordnen, und genau das braucht man in der Rehabilitation und beim Return to Sport.

World Dwarf Games 2023

Im Sommer 2023 kamen die World Dwarf Games mit mehr als 500 Teilnehmenden aus 25 Ländern an die Deutsche Sporthochschule Köln, ausgerichtet vom Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien (BKMF). Für uns am Institut für Biomechanik und Orthopädie war das eine seltene Gelegenheit: viele sportlich aktive Menschen mit Kleinwuchs an einem Ort, als Athletinnen und Athleten, nicht als Patienten. Wir haben bei den 60- und 100-Meter-Läufen im Wettkampf gemessen, Bodyscans, Sprung- und Handkrafttests ergänzt und eine kleinere Gruppe ins Labor zur 3D-Bewegungsanalyse eingeladen, insgesamt rund 150 Personen [6]. Das Ziel: Referenzdaten für gesunde, aktive Erwachsene mit Achondroplasie und ein besseres Verständnis davon, wie sich die Fortbewegung verändert, wenn sich die Körperproportionen ändern.

Erste Ergebnisse

Sprint. Sprintgeschwindigkeit ist Schrittlänge mal Schrittfrequenz. Normwüchsige Sprinter werden vor allem über längere Schritte schneller, nicht über mehr Schritte. Setzt man beides ins Verhältnis zur Körperhöhe, liegt die relative Schrittfrequenz der Athleten mit Achondroplasie nach unseren Daten fast gleichauf mit normwüchsigen Sprintern, die relative Schrittlänge dagegen deutlich darunter. Die Athleten erzeugen ihre Geschwindigkeit also relativ stärker über die Frequenz und gleichen so ihre kürzeren Beine aus [5]. Sprinttechnik und Sprinttraining sollten deshalb nicht ungeprüft von normwüchsigen Athleten übertragen werden. Die Aufgabe ist dieselbe, die Lösung nicht.

Gehen. Im Labor deutet sich vorläufig an: Wenn Athleten mit Achondroplasie schneller gehen, kommt ein wichtiger Teil des Zuwachses aus der Schrittfrequenz. Die seitliche Stabilität bleibt in den körperfernen Gelenken weitgehend erhalten; die Anpassungen zeigen sich eher körpernah.

Sprungkraft. Beim Countermovement Jump haben wir 132 Teilnehmende gemessen und statt einer Strategie vier Profile gefunden: steif, konservativ, tief und kraftvoll. Am höchsten sprang nicht das Profil mit der tiefsten Ausholbewegung, sondern das steife mit der kleinsten. Normwerte von Normwüchsigen passen hier also nur bedingt. Auch diese Ergebnisse sind vorläufig.

Quellen

[1] Semler, O. & Funken, J. (2025). Besonderheiten bei Achondroplasie und Sport (Modul 5). BioMarin Deutschland GmbH. PDF
[2] Sims, D. T., Burden, A., Payton, C., Onambélé-Pearson, G. L. & Morse, C. I. (2020). A spatio-temporal and kinematic description of self-selected walking in adults with Achondroplasia. Gait & Posture, 80, 391–396. https://doi.org/10.1016/j.gaitpost.2020.06.030
[3] Sims, D. T., Onambélé-Pearson, G. L., Burden, A., Payton, C. & Morse, C. I. (2018). The oxygen consumption and metabolic cost of walking and running in adults with achondroplasia. Frontiers in Physiology, 9, 410. https://doi.org/10.3389/fphys.2018.00410
[4] Savarirayan, R., Ireland, P., Irving, M. et al. (2022). International Consensus Statement on the diagnosis, multidisciplinary management and lifelong care of individuals with achondroplasia. Nature Reviews Endocrinology, 18(3), 173–189. https://doi.org/10.1038/s41574-021-00595-x
[5] Funken, J., Brüsehof, B., Goldmann, J.-P., Birk, C., Lüdorff, S., Ratnikov, A. & Semler, O. (2025). Spatiotemporal sprint parameters of adults with achondroplasia during the World Dwarf Games 2023 – preliminary results. ISBS Proceedings Archive, 43(1), Article 25. https://commons.nmu.edu/isbs/vol43/iss1/25
[6] Deutsche Sporthochschule Köln (2025). Kleinwuchs und Sport. Pressemitteilung vom 1. Juli 2025. PDF
Die Ergebnisse zu Gehen und Sprungkraft sind vorläufig und noch nicht veröffentlicht.

Zitiervorschlag: Funken, J. (2026). Kleinwuchs und Sport: Was bei Sportlern mit Achondroplasie biomechanisch anders ist. bijomechanik.de. https://bijomechanik.de/2026/10/19/kleinwuchs-und-sport/

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